Alexander ist unterwegs

Reise- und andere Geschichten

Mit über 60 Jahren bin ich schon eine ganze Weile unterwegs und hoffe, dass noch einige Schritte dazu kommen

Kategorie: Mallorca

Wie dem Titel schon zu entnehmen ist – ein kleiner Reiseblog.

  • 5. Etappe – ein kalter Wintermorgen

    Es wurde mit der Zeit wirklich angenehm warm im Schlafsack. Ich hatte mir noch die warme Sturmhaube und die dicken Handschuhe angezogen. Es war in der Nacht wohl eher ein ruhen als schlafen, aber wenigstens warm. Um zwei Uhr begann ein Hahn mit seinem Morgenritual, auch die Ziege bimmelte immer wieder kurz. Gegen vier schien die Kälte an ihrem Tiefpunkt angekommen zu sein. Ich schätze es waren wenigstens um die Minus fünf Grad. Um sieben Uhr standen wir auf. Bei mir gab es zwei Portionen Porridge und anschließend heißen Tee. Die Schuhe waren nass und leicht gefroren, deswegen mußte eine dünne Notfalldecke herhalten. Ich Schnitt zwei Stücke heraus um sie über die trockenen Socken zu wickeln. Das funktionierte sehr gut und ich behielt auf dem weiteren Weg trockene Füße. Nachdem alles zusammen gepackt und Wasser aufgefüllt war ging es weiter. Der Wasserfilter hat für die Trinkwasserversorgung beste Dienste geleistet.

    Wir entschlossen uns zu versuchen die Straße zu erreichen. Durch den Frost der Nacht war die Schneedecke so gefroren, dass wir gut ohne einzusinken voran kamen. Einige Schafe kreuzten unseren Weg und es gab dann noch einen herrlichen Ausblick nach Pollenca.

    Dort gab es auch kurz Netz für das Smartphone, so daß ich wenigstens eine Nachricht „alles ok“ nach Hause schicken konnte. Das Bild was ich dazu schickte war wohl eher beunruhigend. Wie ich später sah, hatte ich eine blutige Nase.

    Auf der Hauptstraße angekommen versperrte uns ein verschlossenes Tor den Weg, zum Glück kein unüberwindliches Hindernis. Von der Straße aus waren es noch etwa sechs Kilometer bis zum angepeilten Refugi.

    Es ging auf und ab, fing nochmal an zu hageln und als ich die Regenklamotten an hatte, war der Spuk wieder vorbei.

    Auf dem Weg sahen wir noch ein paar Arbeiter, die die Sraße frei räumten. Gegen Mittag kamen wir überglücklich in unserem Refugi an. Wir belegten den Wäscheständer komplett mit unseren nassen Sachen und blieben die einzigen Gäste. Wir waren die Einzigen die es bis hierher geschafft hatten, eigentlich war die Hütte ausgebucht.

    Aufgewärmt kochten wir uns in aller Ruhe ein Mittagessen auf dem Kamin und gönnten uns zwei Flaschen Wein bis zum Abend. Wir erführen, dass der Strom vom Generator kommt, weil Strom und alle Kommunikationsanlagen ausgefallen waren. Also keine Nachricht an die Familie. Es gab um zwanzig Uhr ein kräftiges Abendessen und danach fielen wir ins Bett. Wegen des Stromausfalls waren die Duschen kalt und wir verschoben diesen Punkt auf den nächsten Morgen.

    PS: Es war ja nur ein Ziegenstall.

  • 4. Etappe – Vom Luxus in den Ziegenstall

    Ein neuer Tag ist angebrochen und was soll ich sagen, es ist ein Sonnentag. Die halbe Strecke nach Lluc ist schon geschafft aber leider hat mein Mitwanderer gerade gemerkt, dass seine Jacke aus dem Rucksack raus gerutscht ist. Er hat das Gepäck abgestellt, ich warte und passe auf.

    Er beginnt ein ganzes Stück zurückgelaufen in der Hoffnung, dass er alles wieder findet, es war auch Geld dabei. Ihr wisst ja wie ich bin, ich habe das nicht gesehen dass da irgendwas nicht mehr im Rucksack drin steckt, genauso wie ich nicht sehe wenn zu Hause mal die Bilder alle umgehangen sind. Ich drücke fest die Daumen dass er seine Jacke wieder bekommt. Die Wanderung bis hierher zur ersten Hälfte war wunderschön, die Sonne schien und die Berggipfel waren Schnee bedeckt.

    Ich bin gespannt was da noch so als nächstes kommt. Weil hier heute Feiertag ist, sind viele Familien unterwegs um genauso wie wir eine Wanderung zu unternehmen. Es steht zum Teil noch manche Pfütze auf den Wegen und es liegen unglaublich viele umgestützte große und kleine Bäume auf dem Weg, die es zu übeklettern gilt. Wahrscheinlich ist die Jacke an einem dieser Bäume hängen geblieben und wir haben es nicht gemerkt.

    Den bisherigen Text hatte ich während der zweistündigen Pause als ich auf Carlo wartete geschrieben. Die jetzt folgenden Zeilen entstanden einen Tag später.

    Die Jacke war gefunden und so ging es mit zwei Stunden Verspätung weiter. Nach kurzer Zeit begann ein längerer Anstieg. Es waren so unglaublich viele Bäume umgestürzt, dass es kaum mal 20 m ungehindert voran ging. So etwas habe ich noch nie gesehen.

    Wir haben uns etwa zwei Stunden durch diese Wildnis gekämpft und mit der Zeit wurden die erst winzigen Schneeflecken immer größer bis die Schneedecke geschlossen war bei einer Schneehöhe bis etwa 40 cm.

    Zum Umkehren war es nach unserer Meinung zu spät. Zwei Mädels die wir dann trafen versuchten es, weil es ihnen unmöglich schien weiter zu kommen. Von diesem Abschnitt habe ich keine Bilder mehr, weil ich mit mir zu tun hatte und alle Reserven aufbieten musste um das zu schaffen. Der Weg war von riesigen umgestürzten Bäumen verbaut und ich glaube es war eines der größeren Abenteuer meines Lebens was es zu bestehen galt, einfach unglaublich. Wir kamen nur noch sehr mühsam voran, waren fertig, die Füße seit Stunden nass und merkten, dass wir das Ziel nicht erreichen konnten. Mit dem Gedanken draußen zu schlafen mussten wir uns jetzt beschäftigen. Wir kamen an einer Hütte vorbei, die sich als Schaf- oder Ziegenstall herausstellte. Es gab sogar einen Kamin, aber leider auch ein totes Schaf direkt davor. Das würde also nichts. Es ging mühsam mit eiskalten Füßen weiter. Auf der Karte war ein Bauernhof eingezeichnet den wir ansteuerten. Außer einem eingesperrten Hund war dort niemand. Es waren ziemlich große Tatzen im Schnee zu sehen, der Hund muß ein größeres Exemplar gewesen sein, aber keine Menschenseele weit und breit. Außerhalb des eingezäunten Grundstücks gab es einen offenen Geräteschuppen, der auch als Ziegenunterstand genutzt wurde, man konnte es an den frischen Ziegennorpeln auf auf dem Schnee erkennen. Den Stall kehrten wir ein wenig aus und machten uns aus abgebrochenen Zweigen ein Unterlage zum Schlafen.

    Darauf kam ein Tarp und die Luftmatratze. Carlo machte sich noch etwas warmes zu Essen. Ich hingehen legte mich erstmal trocken. Die Daumenklamotten haben mir echt den Allerwertesten gerettet. Ohne Essen habe ich mich in meine beiden Schlafsäcke gekuschelt und gehofft, warm zu werden. Als es vollends dunkel war kam tatsächlich noch eine Ziege. Sie zögerte ein paar Minuten, lief an uns vorbei um wieder raus zu gehen. Sie tat mir ein bisschen leid, aber da musste sie durch. Ich glaube sie hat sich einen abgebrochenen Ast gesucht und sich dort in das Laub eingekuschelt. Ich hörte nachts immer wieder Ihre Glocke, was mein schlechtes Gewissen ein bisschen beruhigte.

  • 3. Etappe – Unwetter wie seit Jahren nicht

    Es scheint als wolle der Regen nicht mehr aufhören. Ich muss mich entscheiden, ob ich laufe oder versuche nach Lluc mit dem Bus zu fahren. Es wird voraussichtlich der Bus, eventuell auch nur für ein Teilstück, die ganzen 16,5km sind mir wohl doch zu hart um sie bei Regen zu laufen. Ich habe gerade das Wetter gecheckt, 7Bft in Böen 9Bft ist definitiv kein Wetter zum Wandern, ich heiße ja nicht Reinhold Messner. Zu wissen, dass es wenigstens ab morgen besser werden soll, ist Trost und Antrieb. Nach dem Frühstück erzählte der Leiter der Herberge, dass es im Moment keinen Weg nach Lluc gibt, weder von Osten wo ich bin, noch aus Süden wo es auch noch eine andere Straße mit Busverbindung gibt. Das war’s dann mit dem Antrieb. Ich hatte ja gestern schon von einem Schweizer berichtet der auch in meine Richtung gehen wollte, die anderen waren am Ende ihrer Tour angelangt und wollten nach Palma, um nach Hause zu fliegen. Carlo, so der Name meiner Schweizer Bekanntschaft, und ich warteten noch, ob eventuell der Weg nach Lluc freigegeben wird. Das klappte dann leider auch bis nach dem Mittag nicht. Ich zitiere aus der Mallorca Zeitung: „Auch die Sturzbäche im Inselosten konnten den Regenfällen nicht immer standhalten. Laut dem Regionalsender IB3 waren am Dienstagmorgen unter anderem der Torrent Sa Vall (Manacor), sowie der nahe dem Industriegebiet von Artà über die Ufer getreten. In Artà wurden laut spanischem Wetterdienst Aemet von Montagmorgen bis Dienstagmorgen 162 Liter Niederschläge pro Quadratmeter in 24 Stunden gemessen, in Son Servera 138 und in Portocolom 125.“

    Da konnten wir nun gar nichts machen und es blieb uns nichts weiter übrig, als für’s Erste in der Hütte zu bleiben. Ich recherchierte ob wir vielleicht einen Küstenwanderweg nehmen sollten, dazu schrieb die Mallorca Zeitung folgendes: „Besonders in den Küstenorten gibt auch die aufgewühlte See Grund zur Sorge. Zwar sind in Cala Millor, Cala Ratjada und Portocristo bisher keine Schneeflocken gefallen, dafür machen die meterhohen Wellen den Anwohnern in erster Meereslinie zu schaffen. Von Spaziergängen in Küstennähe wird weiter dringend abgeraten.“ Na prima, das klappt alles wunderbar. Der Kollege buchte sich ein Hotelzimmer und ich schloss mich später an. Wegen des Wetters habe ich nun endgültig die gebuchte Hütte verpasst und bin dafür im Luxus gestrandet. Dazu muss ich euch erklären, dass ich nicht nur einmal „Glück“ hatte, sondern auch gleich noch ein zweites Mal. In Mallorca ist morgen ein Feiertag und die Kinder haben die ganze Woche schulfrei. Deswegen sind fast alle Mallorquiner auf den Beinen und versuchen irgendwo einen billigen Kurzurlaub zu machen. Alles was halbwegs preiswert war ist also ausgebucht. Auch in den Hütten ist in der Regel in dieser Woche kein Platz wenn man nicht zeitig gebucht hat, weil diese einfachen Übernachtungen gerne von den Familien genutzt werden.

    Als ich in meinem Hotel gelandet war habe ich erst einmal in Ruhe ausgepackt und nahm mir vor, danach noch eine kleine Wanderung zu unternehmen. Es gibt einen kleinen Berg auf den ich hätte hochlaufen können. Das habe ich auch versucht, aber der starke Sturm hielt mich davon ab in den Wald hinein zu gehen, das wäre einfach viel zu leichtsinnig gewesen.

    Kaum hatte ich kehrt gemacht, fing es auch schon wieder an zu regnen und ich war in doppelter Hinsicht froh, dass ich mich so entschieden hatte. Jetzt sitze ich ganz gemütlich in meinem Hotelzimmer und habe ausreichend Zeit diesen Block zu schreiben.

    Hier auch noch ein paar weitere Bemerkungen zu der Übernachtung in der Hütte. Das Abendessen in den spanischen Refugis gibt es immer 20 Uhr, da ist es gut noch eine Brotzeit für Zwischendurch im Gepäck zu haben. Als kleine Vorspeise gibt es Brot mit Olivenöl und Salz. Dazu muss man wissen, dass das Brot in Mallorca ungesalzen ist. Wenn man richtig hungrig ist, ist das eine total leckere Geschichte. Als Zweites gibt es dann einen großen Salat den man sich selber mit Öl, Essig, Pfeffer und Salz würzen kann. Der dritte Gang habe ich mir sagen lassen variiert jeden Tag ein wenig. In unserem Fall waren es Kartoffeln, Rindfleisch und Gemüse in einer Art grob geschnittem Eintopf.

    Das war es dann auch tatsächlich noch nicht, es gibt einen kleinen vierten Gang und das waren eine Apfelsine und ein Apfel. Das Frühstück fällt dann wirklich etwas schmaler aus, aber das schreibe ich euch in einem der nächsten Berichte falls ich es schaffe noch einmal Anschluss an den ursprünglichen Zeitplan zu bekommen.

    Ich treffe mich morgen mit meinem Schweizer Wanderfreund, um es ohne Regen und Sturm erneut zu versuchen.